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Diese Andacht führt zur Vereinigung mit Gott


Die wahre Andacht zu Maria ist weiterhin ein leichter, kurzer, vollkommener und sicherer Weg, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, worin die Vollkommenheit des Christen besteht.


1. Ein leichter Weg
Jesus Christus selbst hat diesen Weg gebahnt, als er zu uns kam, und auf ihm gibt es kein Hindernis, das uns den Zugang zu ihm versperren oder uns aufhalten könnte. Man kann gewiss auch auf anderen Wegen zur Vereinigung mit Gott gelangen. Aber auf ihnen werden viel mehr Kreuze stehen, weit schwerere Opfer verlangt werden und viel größere Schwierigkeiten zu überwinden sein. Auf diesen Wegen muss man über schroffe Felsen, spitzige Dornen durch entsetzliche Wüsten und finstere Nächte wandeln, schwere Kämpfe und schreckliche Todesängste bestehen. Auf dem Wege Mariä wandelt man angenehmer und ruhiger. Man muss gewiss auch dort noch schwere Kämpfe durchmachen und große Schwierigkeiten überwinden. Aber diese gute Mutter und Herrin hält sich stets in nächster Nähe ihrer treuen Diener auf, um sie in ihren Finsternissen zu erleuchten, in ihren Zweifeln aufzuklären, in ihren Beängstigungen zu stärken und in ihren Kämpfen und Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten, sodass dieser jungfräuliche Weg im Vergleich zu den anderen, in Wahrheit ein Weg von Rosen und Honig ist. Es hat Heilige gegeben, wiewohl nicht viele, wie der hl. Ephrem, der hl. Johannes Damaszenus, der hl. Bernhard, der hl. Bernardin, der hl. Bonaventura, der hl. Franz von Sales usw., die auf diesem süßen Wege gewandelt sind, um zu Jesus zu gelangen. Der Heilige Geist, der treue Bräutigam Mariä, hat ihnen denselben durch besondere Gnade gezeigt. Die anderen Heiligen aber, deren Zahl bedeuten größer ist, haben bei aller Andacht zur allerseligsten Jungfrau diesen Weg entweder gar nicht oder nur sehr wenig betreten, sodass sie viel schwerere und gefährlichere Prüfungen bestehen mussten. Woher kommt es denn aber, wird mir ein treuer Diener Mariä sagen, dass die getreuen Diener dieser guten Mutter dennoch so viele Leiden zu ertragen haben, oft mehr als die anderen, welche ihr nicht so ergeben sind? Man widerspricht ihnen, man verfolgt sie, man verleumdet sie, man kann sie nicht leiden; oder aber sie wandeln selbst in inneren Finsternissen und durch Wüsten, wo nicht der geringste Tropfen Himmelstau fällt. Wenn diese vollkommene Andacht zur allerseligsten Jungfrau den Weg zu Christus erleichtert, woher kommt es denn, das ihre treuesten Anhänger am meisten gekreuzigt sind? Ich antworte ihm: Es ist keineswegs zu leugnen, dass die getreuen Diener der heiligen Jungfrau, da sie ihre größten Lieblinge sind, von ihr auch die größten Gnaden und Gunstbezeugungen des Himmels empfangen, und dieses sind vor allem die Kreuze und Leiden hier auf Erden. Ich behaupte aber auch, dass es gerade Diener Mariä sind, welche diese Kreuze weit leichter, verdienstlicher und ehrenvoller tragen, als die übrigen Menschen. Was einen anderen tausendmal aufhalten oder zu Fall bringen könnte, hält sie kein einziges Mal auf, befördert vielmehr ihren Fortschritt. Denn diese gute Mutter, ganz voll der Gnade und Salbung des Heiligen Geistes, macht all diese Kreuze leicht erträglich. Wie wohlschmeckende Früchte, zubereitet in dem Zucker ihrer mütterlichen Güte und in dem kostbaren Saft ihrer reinen Liebe, reicht sie die Leiden dar, so dass man sie gleich eingemachten Nüssen freudig annimmt, obschon sie an sich sehr bitter sind. Auch glaube ich, dass jemand, der ein frommes, christliches Leben führt, und daher bereitwillig Verfolgung leiden und alle Tage sein Kreuz tragen will, niemals ein schweres Kreuz freudig bis zum Ende des Lebens tragen wird, ohne eine zarte Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu pflegen, welche jedes Kreuz versüßt, gleichwie niemand ohne große, beharrliche Überwindung grüne Nüsse genießen könnte, wenn sie nicht durch Zucker versüßt sind.

2. Ein kurzer Weg
Die Andacht zur allerseligsten Jungfrau ist ferner ein kurzer Weg, um Christus zu finden, weil man sich auf ihm einerseits nicht verirrt, andererseits, wie ich schon sagte, auf ihm mit größerer Freude und Leichtigkeit wandelt und darum auf ihm umso schneller vorwärts kommt. In kurzer Zeit macht man durch die demütige Unterwerfung unter die Leitung Mariä größere Fortschritte, als sonst in vielen Jahren, in denen man seinem eigenen Willen folgte und auf sein persönliches Können vertraute. Denn ein Maria gehorsamer und ergebener Mensch wird Siegeshymnen über alle seine Feinde singen. Diese werden zwar versuchen, ihn in seinen Fortschritten zu hindern, oder ihn zum Zurückweichen oder gar zu Fall zu bringen, aber mit Unterstützung und Leitung Mariä wird er sicher, unverzagt und beharrlich Christus auf demselben Wege entgegengehen, auf dem dieser selbst mit Riesenschritten und in kurzer Zeit zu uns gekommen ist. Warum hat wohl Jesus Christus nur so kurze Zeit auf Erden gelebt und von den wenigen Jahren, die er hier zubrachte, fast sein ganzes Leben in Gehorsam sich seiner Mutter unterworfen? Gerade, weil er in kurzem vollendet, lange gelebt hat, länger als Adam, dessen Sündenfall gutzumachen er gekommen war, obgleich dieser mehr als 900 Jahre erreichte. Jesus Christus brauchte nur deswegen so kurze Zeit hier auf Erden zu bleiben, weil er in ständiger Unterwürfigkeit gegen seine heilige Mutter und in inniger Vereinigung mit ihr lebte, um Gott seinem Vater zu gehorchen. Denn wer seine Mutter ehrt, gleicht einem Menschen, der Schätze sammelt, sagt der Heilige Geist, d.h. wer Maria, seine Mutter ehrt, indem er sich ihr unterwirft und ihr in allen Dingen gehorcht, wird rasch sehr reich werden, weil er alle Tage durch das Geheimnis dieses Steines der Weisen Schätze aufhäuft: Qui honorat Matrem, quasi qui thesaurizat (JSir 3,5). Senectus mea in misericordia uberi, „mein Greisenalter ist in der Barmherzigkeit des Mutterschoßes.“ Im Schoße Mariä, welcher den vollkommensten Menschen umschloss und zur Welt gebar, im Schoße Mariä, der die Fähigkeit besaß, denjenigen zu empfangen, den die ganze Welt nicht fassen kann, erreichen Jünglinge in kurzer Zeit die Erleuchtung und Würde, die Erfahrung und Weisheit des Greisenalters und erlangen so in wenigen Jahren das Vollalter Christi.


3. Ein vollkommener Weg
Diese Andacht zur allerseligsten Jungfrau ist auch ein vollkommener Weg, um zu Jesus Christus zu gelangen und sich mit ihm zu vereinigen, da Maria selbst das vollkommenste und heiligste Geschöpf ist und der Sohn Gottes, der auf vollkommenste Weise zu uns kommen wollte, für seine große und wunderbare Herabkunft auf diese Erde keinen geeigneteren Weg wählen konnte. Der Allerhöchste, der Unbegreifliche und Unnahbare, derjenige, der das Sein in sich trägt, hat sich zu uns herabgelassen, die wir nichts als kleine Erdenwürmer sind. Wie hat er dies getan? In göttlicher Weise stieg er durch Maria, die demütigste Jungfrau, zu uns herab, ohne etwas von seiner göttlichen Würde und Heiligkeit zu verlieren. Durch Maria sollen daher auch wir ohne jegliche Furcht zum Allerhöchsten emporsteigen. Der Unermessliche hat sich von Maria, der unscheinbaren Jungfrau, völlig umschließen lassen, ohne etwas von seiner Unermesslichkeit einzubüßen. So sollen auch wir uns durch Maria vollkommen, ohne irgendwelchen Vorbehalt umfassen und führen lassen. Der Unnahbare hat sich uns genähert, sich eng, vollkommen, ja persönlich mit unserer Menschheit durch Maria vereinigt, ohne etwas von seiner Majestät zu verlieren. So sollen auch wir durch Maria uns Gott nähern und uns mit seiner Majestät vollkommen und eng vereinigen, ohne Furcht, zurückgewiesen zu werden. Endlich wollte der, der da ist, zu dem kommen, was nichts ist, um das, was nichts ist, zu vergöttlichen. Er hat dies vollkommen getan, indem er sich der demütigen Jungfrau Maria schenkte und sich ihr unterwarf, ohne aufzuhören, in der Zeit derjenige zu sein, der da ist in alle Ewigkeit. So können auch wir, obwohl wir nichts sind, mit Hilfe Mariä Gott ähnlich werden durch die Gnade und Glorie, indem wir uns ohne Furcht vor Täuschung ihr so vollkommen schenken, dass wir nichts sind in uns selbst, aber alles in ihr. Mag man mir auch einen anderen Weg zeigen, um zu Jesus zu gelangen, und mag dieser Weg mit allen Verdiensten der Seligen versehen, mit all ihren heroischen Tugenden geschmückt, mit allem Licht und aller Schönheit der Engel erleuchtet und verklärt sein, mögen sich alle Engel und Heiligen anbieten, diejenigen, welche darauf wandeln wollen, auf alle Art zu schützen und zu fördern: wahrlich, ich scheue mich nicht, offen und frei zu bekennen, dass ich diesem Wege, mag er noch so vollkommen sein, den unbefleckten Weg Mariä vorziehen werde: Posuit immaculatam viam meam (Ps 19,13), der in der Tat ohne Makel und Flecken, ohne Erbschuld und persönliche Sünde, ohne Schatten und Finsternis ist. Wenn mein liebenswürdigster Jesus in seiner Glorie ein zweitesmal auf die Erde kommen wird (was ja gewiss ist), um hier seinen Herrschaftsthron zu besteigen, wird er keinen anderen Weg wählen, als die hehre Jungfrau Maria, durch die er in so vollkommener Weise das erstemal zu uns kam. Der Unterschied zwischen seiner ersten und zweiten Ankunft wird nur darin bestehen, dass die erste geheim und verborgen war, die zweite hingegen glorreich und herrlich sein wird; aber beide sind vollkommen, weil bei beiden der Weg durch Maria gewählt wird. Hierin gerade erkenne wir ein Geheimnis das die wenigsten begreifen können: Hic taceat omnis lingua, „hier schweige jede Zunge.“


4. Ein sicherer Weg
Die wahre Andacht zu Maria ist endlich ein sicherer Weg, um zu Jesus Christus zu kommen und durch die Vereinigung mit ihm die Vollkommenheit zu erreichen. 1. Jedermann kann mit dem Gefühl der Sicherheit diesen Weg betreten, denn er ist keineswegs neu. Er ist vielmehr so alt, dass Boudon, der im Rufe der Heiligkeit starb, in einem Buche, das er über diese Andacht schrieb, die Anfänge derselben nicht genau angeben kann. Jedenfalls steht fest, dass man seit mehr als 700 Jahren Spuren davon in der Kirche findet. Der heilige Odilo, Abt von Cluny, der im Jahre 1048 starb, war einer der ersten, der sie öffentlich in Frankreich übte, wie in seiner Lebensbeschreibung erzählt wird. Der hl. Kardinal Petrus Damianus berichtet, im Jahre 1036 habe sich der sel. Marin, sein Bruder, in Gegenwart seines Seelenführers in erbaulichster Weise völlig in den Dienst der allerseligsten Jungfrau gestellt. Er legte sich nämlich einen Strick um den Hals, geißelte sich und opferte auf dem Altar eine Summe Geldes zum Zeichen seiner vollständigen Hingabe und Weihe an diese erhabene Herrin. Diese Übung setzte er sein ganzes Leben hindurch so getreu fort, dass er zum Lohn für seine Dienste bei seinem Tode von Maria, seiner gütigen Herrin, besucht und getröstet wurde und aus ihrem Munde die Verheißung des Paradieses erhielt. Cäsarius Bollandus erwähnt einen berühmten Ritter Vautier de Birback, der dieselbe Weihe um das Jahr 1300 an die allerseligste Jungfrau vornahm, die in der Folgezeit von gar manchen privatim geübt wurde, bis sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch öffentlich erfolgte. Pater Simon de Roias aus dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit, der für die Loskaufung der Gefangenen gestiftet war, brachte als Prediger am Hofe Philipps III., diese Andacht in ganz Spanien und Deutschland in Übung und erhielt auf Bitten des Königs von Gregor XV. reiche Ablässe für jene, welche sie übten. Der ehrwürdige Pater de Los-Rios aus dem Augustinerorden befliss sich mit seinem vertrauten Freunde, dem Pater de Roias, diese Andacht durch Wort und Schrift ebenfalls in Spanien und Deutschland zu verbreiten. Er verfasste ein umfangreiches Werk unter dem Titel: Hierarchia Mariana, in welchem er mit ebenso viel Frömmigkeit als Gelehrsamkeit das Alter, die Vortrefflichkeit und Gediegenheit dieser Weihe an Maria behandelte. Die ehrwürdigen Theatiner führten diese Andacht im 17. Jahrhundert auch in Italien, Sizilien und Savoyen ein. Der ehrwürdige Pater Stanislaus Phalacius aus der Gesellschaft Jesu verbreitete sie außerordentlich in Polen. Pater de Los-Rios berichtet in seinem oben erwähnten Buche die Namen der Fürsten, Fürstinnen, Herzöge und Kardinäle der verschiedenen Königreiche, welche diese Andacht angenommen hatten. Cornelius a Lapide (†1637), ebenso angesehen wegen seiner Frömmigkeit als wegen seines tiefen Wissens, erhielt von mehreren Bischöfen und Theologen den Auftrag, diese Andacht zu prüfen. Nachdem er sie reiflich durchdacht hatte, sprach er sich so anerkennend über sie aus, wie es seiner Frömmigkeit entsprach, und mehrere hervorragende Theologen derselben Zeit folgten seinem Beispiel. Die Väter der Gesellschaft Jesu, stets eifrig im Dienste der allerseligsten Jungfrau, unterbreiteten dem Herzog Ferdinand von Bayern, der damals Erzbischof von Köln war, im Namen der dortigen Marianischen Kongregationen, eine kleine Abhandlung über die heilige Knechtschaft, der dieser seine Approbation und Druckerlaubnis erteilte, indem er alle Pfarrer und Ordensleute seiner Diözese ermahnte, diese gediegene Andacht soviel als möglich zu verbreiten. Der Kardinal de Bérulle, dessen Andenken in ganz Frankreich in hohen Ehren ist, war dort einer der eifrigsten Verbreiter dieser Andacht trotz aller Verleumdungen und Verfolgungen von seiten der Kritiker und Freigeister. Sie klagten ihn der Neuerung des Aberglaubens an, schrieben und veröffentlichten gegen ihn eine Schrift voller Verleumdungen und bedienten sich nach teuflischer Art tausenderlei Listen, um ihn an der Verbreitung dieser Andacht in Frankreich zu hindern. Aber dieser große und heilige Mann antwortete auf ihre Verleumdungen nur durch seine Geduld und auf ihre in jenem Buch enthaltenen Einwürfe mit einer kleinen Gegenschrift, worin er sie siegreich widerlegte. Er wies nach, dass diese Andacht auf das Beispiel Jesu Christi gegründet ist, auf die Verpflichtungen, die wir ihm gegenüber erfüllen müssen, und auf die Gelübde, die wir in der heiligen Taufe abgelegt haben. Ganz besonders mit letzterem Grunde schloss er seinen Gegnern den Mund, indem er ihnen zeigte, dass diese Weihe an die heilige Jungfrau und durch Maria an Jesus Christus nichts anderes als eine vollkommene Erneuerung der Taufgelübde ist. Er sagt über diese Andacht viel Schönes, das man in seinen Werken nachlesen kann. Boudon zählt in seinem bereits erwähnten Buche die verschiedenen Päpste auf, welche diese Andacht gebilligt, und nennt die Theologen, die sie geprüft haben. Er erwähnt die Verfolgungen, welche diese Andacht auszuhalten und überwunden hat und zählt Tausende von Personen auf, welche sie geübt haben, ohne dass jemals ein Papst sie verurteilt hätte. Dies wäre ja auch gar nicht möglich, ohne die Fundamente des Christentums zu zerstören. Es steht somit fest, dass diese Andacht nicht neu ist. Wenn sie noch keine allgemeine Verbreitung gefunden hat, so kommt dies daher, dass sie zu kostbar ist, um von jedermann geschätzt und geübt zu werden. 2. Diese Andacht ist ferner ein sicheres Mittel, um zu unserem Herrn zu kommen, weil niemand so sehr wie Maria bemüht ist, uns sicher zu Jesus Christus zu führen, wie wiederum Jesus besonders danach trachtet, uns sicher zum ewigen Vater zu führen. Niemand möge dem Irrtum Raum geben, Maria hindere uns, zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. Denn wäre es möglich, dass Maria, welche Gnade vor Gott gefunden hat, alle insgesamt oder auch nur eine einzige Seele daran hindern könnte, die große Gnade der Vereinigung mit Gott zu finden? Wäre es möglich, dass Maria, welche überreich an Gnade mit Gott aufs innigste vereinigt, ja in Gott umgebildet war, sodass er selbst Fleisch in ihr angenommen hat, eine Seele in der vollkommenen Vereinigung mit Gott stören sollte? Es ist wohl wahr, dass der Anblick anderer, auch heiliger Geschöpfe, vielleicht für eine gewisse Zeit die Vereinigung verzögern kann; aber das gilt nicht von Maria, wie ich gesagt habe und es immer wieder sagen werde. Ein Grund, warum so wenige Seelen zum Vollalter Jesu Christi gelangen, ist der, das Maria, welche auch jetzt noch die Mutter des Sohnes und die fruchtbare Braut des Heiligen Geistes ist, nicht genug in ihren Herzen nachgebildet ist. Wer eine ganz reife und völlig tadellose Frucht haben will, muss den Baum haben, der sie hervorbringt; wer die Frucht des Lebens, Jesus Christus, sein eigen nennen will, muss den Baum des Lebens besitzen, welcher Maria ist. Wer an sich die Wirkung des Heiligen Geistes erfahren will, muss mit seiner getreuen und unzertrennlichen Braut, der allerseligsten Jungfrau Maria, vereinigt sein, die ihn ergiebig und fruchtbar macht, wie wir bereits gesagt haben. Seid deshalb überzeugt, je mehr ihr in euren Gebeten, Betrachtungen, Handlungen und Leiden auf Maria schaut, mag es auch nicht mit bestimmter und wahrnehmbarer Absicht, so doch mit einem allgemeinen und unmerklichen Blick geschehen, desto vollkommener werdet ihr Jesus Christus finden, der immer mit Maria groß, mächtig, wirksam und unbegreiflich ist und zwar mehr als im Himmel oder irgend einem Geschöpf des Universums. Weit entfernt also, dass die allerseligste Jungfrau Maria, ganz versenkt in Gott, den unendlichen Vollkommenen, ein Hindernis ist, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, gab es bis jetzt niemals ein Geschöpf und wird es auch niemals ein solches geben, das uns kräftiger dabei unterstützen könnte als Maria. Sie wird uns am ehesten dazu verhelfen können durch die Gnaden, die sie uns zu diesem Zwecke mitteilt. Denn wie ein Heiliger sagt, wird niemand von dem Gedanken an Gott erfüllt als nur durch sie: Nemo cogitatione Dei repletur nisi per te. Sie wird sich unser auch immer mit der größten Sorgfalt annehmen, um uns vor Arglist und Täuschung des bösen Geistes zu schützen. Dort, wo Maria ist, kann der Teufel nicht weilen. Daher ist es ein unfehlbares Kennzeichen, dass man vom guten Geist geführt wird, wenn man eine große Andacht zu dieser guten Mutter hat, oft an sie denkt und oft von ihr spricht. Deshalb fügt jener Heilige hinzu: wie das Atmen ein sicheres Zeichen ist, dass der Körper lebt, so ist der häufige Gedanke an Maria und ein oft wiederholtes, liebevolles Gebet zu ihr ein sicheres Merkmal, dass die Seele, frei von der Sünde, das Leben der Gnade bewahrt hat. Da Maria allein alle Häresien besiegt und vernichtet hat, wie die Kirche und der Heilige Geist bekennen: Sola cunctas hæreses interemisti in universo mundo, wird ein getreuer Verehrer Mariä, obwohl die Kritiker dieses nicht anerkennen wollen, niemals in eine Häresie oder einen Glaubensirrtum verfallen, wenigstens nie in formeller Weise. Er mag materiell irren, die Lüge für Wahrheit, den bösen Geist für den guten halten, wenn auch nicht so leicht als ein anderer; früher oder später wird er aber seinen Fehler und seinen materiellen Irrtum erkennen, und wenn er ihn erkannt hat, nie und nimmer hartnäckig darauf bestehen oder daran festhalten. Wer daher ohne Furcht vor Irrtum – dem Gebet ergebenen Personen ist solche Furcht leicht eigen – auf dem Wege der Vollkommenheit vorankommen und sicher und vollständig Jesus Christus finden will, der möge mit einem großen Herzen und starken Willen sich zu dieser Andacht zur allerseligsten Jungfrau entschließen, die ihm bisher vielleicht noch unbekannt geblieben ist. Er betrete diesen ausgezeichneten verborgenen Weg, den ich ihm zeige: Excellentiorem viam vobis demonstro (1Kor 12,31). Er ist ein Weg, den Jesus Christus, die fleischgewordene Weisheit, unser einziges Haupt, gebahnt hat; wer auf ihm wandelt, kann sich nicht verirren. Es ist ein angenehmer Weg wegen der Fülle der Gnaden und der Salbung des Heiligen Geistes, die ihn erleichtern; wer auf ihm wandelt, ermüdet nicht und kommt stets vorwärts. Es ist ein kurzer Weg, welcher uns in geringer Zeit zu Jesus, unserem Ziele, führt. Es ist ein vollkommener Weg, auf dem kein Schmutz, kein Staub, selbst nicht die geringste Befleckung der Sünde zu finden ist. Es ist endlich ein sicherer Weg, der uns in gerader Richtung zu Christus und zum ewigen Leben führt, ohne zur Rechten oder zur Linken abzuweichen. Zögern wir demnach nicht, diesen Weg zu betreten und wandeln wir Tag und Nacht auf ihm bis zum Vollalter Jesu Christi.

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