Kategorie:Das goldene Buch:3-2

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2. Esau, das Bild der Verworfenen

Bevor wir diese anziehende Erzählung erklären, müssen wir bemerken, dass nach allen heiligen Vätern und den Auslegern der Heiligen Schrift Jakob das Vorbild Jesu Christi und der Auserwählten, Esau hingegen das der Verworfenen ist; man braucht nur die Handlungen und das Benehmen beider zu prüfen, um das klar zu erkennen. Esau, der ältere Bruder, war
1. körperlich stark und kräftig, äußerst geschickt in der Handhabung des Bogens und der Erlegung großer Jagdbeute;
2. er blieb fast nie zu Hause, denn da er sein Vertrauen nur auf seine Kräfte und seine Geschicklichkeit setzte, suchte er seine Beschäftigung außerhalb des Hauses;
3. er bemühte sich nicht, seiner Mutter Rebekka zu gefallen, tat auch nichts dafür;
4. er war so essgierig und sah überhaupt so sehr auf die Befriedigung seines Magens, dass er das Recht der Erstgeburt um eine Schüssel Linsen verkaufte;
5. er war ein Kain voll von Neid gegen seinen Bruder Jakob und verfolgte ihn aufs äußerste. Genau so zeigt sich das Benehmen, das Tag für Tag die Verworfenen beobachten.

I. Selbstvertrauen
Sie bauen auf ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit in zeitlichen Angelegenheiten; sie sind sehr tüchtig, sehr geschickt und aufgeklärt in den irdischen Dingen, aber sehr armselig und unwissend in den himmlischen; in terrenis fortes, in coelestibus debiles.

II. Verweltlichung
Deshalb sind sie entweder gar nicht oder nur selten daheim, in ihrem eigenen Haus, nämlich in ihrem Innern, das ja die innere und eigentliche Wohnung ist, die Gott einem jeden gegeben hat, damit er dort weile nach seinem Beispiel. Denn Gott wohnt immer daheim bei sich. Die Verworfenen lieben nichts weniger als die Zurückgezogenheit, das geistliche Leben und die innere Andacht, halten dagegen diejenigen für kleine Geister, für scheinheilig und menschenscheu, welche innerlich, von der Welt zurückgezogen sind und die mehr nach innen als nach außen tätig sind.

III. Sie üben keine besondere Andacht zu Maria
Die Verworfenen kümmern sich kaum um die Verehrung der allerseligsten Jungfrau, der Mutter der Auserwählten. Freilich hassen sie sie nicht geradezu, sie spenden ihr vielleicht bisweilen sogar Lob, reden von ihrer Liebe zu Maria und verrichten das eine oder andere Gebet zu ihr. Aber im Übrigen wollen sie von einer zärtlichen Liebe zu Maria nichts wissen, weil sie eben für sie durchaus nicht die Zärtlichkeit eines Jakob besitzen. Sie finden an den Andachtsübungen zur allerseligsten Jungfrau, welchen sich ihre guten Kinder und treuen Diener mit Freuden hingeben, um von ihr wieder geliebt zu werden, immer etwas auszusetzen, weil sie diese Andacht nicht für notwendig halten. Wenn sie die allerseligste Jungfrau nur nicht förmlich hassen und die Andacht zu ihr nicht offen verachten, so ist ihnen das genug und sie glauben, damit das Wohlgefallen der allerseligsten Jungfrau gewonnen zu haben. Sie glauben schon hinlänglich Diener Mariä zu sein, wenn sie ihr zu Ehren einige Gebete hersagen und hermurmeln, ohne Zärtlichkeit für sie und ohne Besserung für sich selbst.

IV. Sinnlichkeit
Diese Verworfenen verkaufen ihr Erstgeburtsrecht, nämlich die Freuden des Paradieses, um eine Schüssel Linsen, d.h. um die Freuden der Welt. Sie lachen, trinken, essen, unterhalten sich, sie spielen, tanzen; ohne sich, geradezu wie Esau, Mühe zu geben, den Segen des himmlischen Vaters zu verdienen. Mit drei Worten: sie denken nur an die Welt, sie lieben nur die Welt, sie sprechen und handeln nur für die Welt und deren Freuden und verkaufen so für ein kurzes Vergnügen, für den eitlen Rauch der Ehre, für ein Stück harter Erde, gelber oder weißer, ihre Taufgnade, ihr Kleid der Unschuld und ihr himmlisches Erbe.

V. Verfolgung der Kinder Mariens
Endlich hassen und verfolgen die Verworfenen tagtäglich die auserwählten Seelen, entweder offen oder versteckt. Sie können diese nicht ausstehen, verachten sie, kritisieren, verspotten und beleidigen sie. Sie berauben und betrügen sie, bringen sie in Armut, unterdrücken sie und treten sie in den Staub, während sie selbst ihr Glück zu machen suchen, nach Vergnügungen haschen, sich’s wohl sein lassen, sich bereichern, sich hervortun und nach ihrem Wohlgefallen leben.

3. Jakob, das Vorbild der Auserwählten

I.
Jakob, der jüngere Bruder, war körperlich schwach, dabei milden und friedlichen Charakters und blieb gewöhnlich zu Hause, um die Zuneigung und Gunst seiner Mutter Rebekka, die er innig liebte, zu gewinnen; ging er bisweilen fort, so tat er dies weder eigenmächtig, noch im Vertrauen auf seine eigene Gewandtheit, sondern im Gehorsam gegen seine Mutter.

II.
Er liebte und ehrte seine Mutter; darum blieb er gern bei ihr daheim und war nie zufriedener, als wenn er sie sah. Sorgsam vermied er alles, was ihr missfallen konnte, und tat alles, was ihr nach seiner Meinung angenehm war. Dies steigerte bei Rebekka die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug.

III.
In allem war er seiner lieben Mutter ergeben, und gehorchte ihr schnell, ohne Zaudern, willig und ohne Klagen. Wenn sie durch das geringste Zeichen ihren Willen äußerte, suchte Jakob ihn alsbald zu erfüllen, so gut er konnte. Alles, was sie ihm sagte, glaubte er ihr, ohne darüber nachzugrübeln. Als sie ihm z.B. sagte, er solle zwei Zicklein aussuchen und sie ihr bringen, damit sie seinem Vater Isaak ein Gericht bereite, erwiderte er nicht etwa, dass auch eins genug sei, um für eine einzelne Person ein einmaliges Essen herzurichten, sondern, ohne darüber nachzudenken, vollzog er den Auftrag.

IV.
Dabei zeigte er auch großes Vertrauen gegen seine liebe Mutter. Niemals stützte er sich auf seine Geschicklichkeit, sondern stellte sich einzig und allein unter ihren Schutz. In allen Bedürfnissen nahm er ihre Hilfe in Anspruch und erbat in allen Zweifeln ihren Rat. Als er sie fragte, ob er nicht statt des Segens den Fluch seines Vaters empfangen würde, glaubte er ihr und vertraute auf sie, als sie ihm erwiderte, sie würde diesen Fluch schon auf sich nehmen.

V.
Endlich ahmte er nach Kräften die Tugenden nach, die er an seiner Mutter bewunderte. Ja, einer der Gründe, warum er beständig zu Hause blieb, scheint gerade der gewesen zu sein, seine Mutter nachzuahmen, da sie die Tugend liebte und sich von schlechten Gesellschaften fernhielt, welche die guten Sitten verderben. Dadurch machte er sich auch würdig, den doppelten Segen seines Vaters zu empfangen.

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