Kategorie:Das goldene Buch:2-2

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Die falschen Andachten zur allerseligsten Jungfrau


Nachdem wir im Vorausgehenden fünf wichtige Wahrheiten erkannt haben, die uns alle von der Berechtigung und Notwendigkeit einer wahren Andacht zu Maria überzeugten, drängt es uns nun mehr als je, diese wahre Andacht kennen zu lernen. Gleichwohl müssen wir hier mit größter Vorsicht zu Werke gehen und alles wohl überlegen und prüfen. Denn leider gibt es jetzt mehr als je falsche Andachten zur allerseligsten Jungfrau, welche man leicht für wahre Andachten halten könnte. Der Teufel, ein Falschmünzer und feiner, erfahrener Betrüger, hat schon so viele Seelen durch eine falsche Andacht zur allerseligsten Jungfrau getäuscht, geschädigt, ja selbst der Verdammung zugeführt. Alle Tage benützt er seine teuflische Erfahrung, um noch viele andere damit zu verderben, indem er sie unter dem Vorwande einiger schlecht verrichteter Gebete oder rein äußerlicher Andachtsübungen, die er ihnen eingibt, in der Sünde beruhigt und einschläfert. Wie der Falschmünzer gewöhnlich nur Gold und Silber, höchst selten aber die anderen Metalle nachmacht weil es bei diesen nicht der Mühe lohnt, ebenso fälscht auch der böse Feind keine andere Andacht so oft als die Andacht zur allerseligsten Jungfrau, weil diese mit den anderen Andachten wie Gold und Silber mit den anderen Metallen zu vergleichen sind. Darum ist es jetzt zunächst von größter Wichtigkeit, die falschen Andachten zur allerseligsten Jungfrau kennen zu lernen, um sie zu meiden, und die wahre, um sie anzunehmen. Sodann müssen wir feststellen, welche unter den verschiedenen Übungen der wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau die vollkommenste, dieser selbst die wohlgefälligste, für Gott die glorreichste, und für uns die segensreichste ist, um uns diese dann anzueignen. Ich finde sieben Arten von Verehrern der allerseligsten Jungfrau, die sich einer falschen Andacht hingeben, nämlich 1. die kritisierenden Verehrer; 2. die skrupellosen Verehrer; 3. die äußerlichen Verehrer; 4. Die vermessenen Verehrer; 5. Die unbeständigen Verehrer; 6. Die heuchlerischen Verehrer; 7. Die eigennützigen Verehrer.


1. Die kritisierenden Verehrer
Die kritisierenden Verehrer sind für gewöhnlich stolze Gelehrte, sogenannte starke, sich selbst genügende Geister, die zwar eine gewisse Ehrfurcht vor der allerseligsten Jungfrau haben, aber alle Andachtsübungen, welche einfache Leute schlicht und einfältig dieser guten Mutter erweisen, bekritteln, weil sie nicht nach ihrem Geschmack sind. Sie ziehen alle Wunder und Erzählungen in Zweifel, welche die Barmherzigkeit und Macht der allerseligsten Jungfrau bezeugen, obwohl sie von glaubwürdigen Schriftstellern berichtet werden oder den Jahrbüchern der religiösen Orden entnommen sind. Sie können es nicht ohne Missbehagen sehen, wenn einfache, demütige Leute vor einem Altare oder Bilde der allerseligsten Jungfrau manchmal an einer Straßenecke knien, um dort zu beten. Sie beschuldigen sie sogar des Götzendienstes, als ob sie das Holz oder den Stein anbeteten. Sie für ihre Person könnten diesen äußeren Andachtsübungen nicht zustimmen; sie seien nicht solche Schwachköpfe, um so vielen Geschichten und Erzählungen, die man über die allerseligste Jungfrau verbreite, Glauben zu schenken. Wenn man sie auf die wunderbaren Lobsprüche hinweist, welche die heiligen Väter der allerseligsten Jungfrau spenden, antworten sie entweder, dass diese in rednerischer Freiheit mit Übertreibung gesprochen hätten, oder sie geben ihren Aussprüchen eine verkehrte Deutung. Diese Art von falschen Verehrern und wissensstolzen, weltlich gesinnten Leuten ist sehr zu fürchten. Sie schaden der Andacht zur allerseligsten Jungfrau unendlich und bringen leider nur allzuviele mit Erfolg davon ab, unter dem Vorwande, derartige Missbräuche bekämpfen zu müssen.

2. Die skrupellosen Verehrer

Die skrupellosen Verehrer fürchten den Heiland zu entehren, wenn sie Maria verehren, oder den Sohn zu erniedrigen, wenn sie die Mutter erheben. Sie können es nicht leiden, wenn man der allerseligsten Jungfrau die durchaus gebührenden Ruhmestitel gibt, welche ihr die heiligen Väter gegeben haben. Sie ertragen es nur widerwillig, dass mitunter mehr Leute vor einem Altar der allerseligsten Jungfrau knien, als vor dem Tabernakel, in der Meinung, das eine stehe mit dem anderen in Widerspruch, als ob jene, welche zur allerseligsten Jungfrau beten, nicht auch durch sie zu Jesus Christus beteten. Sie wollen nicht, dass man so viel von der Mutter Gottes spreche und sich so oft an sie wende. Ihre gewöhnlichen Redensarten lauten: „Wozu so viele Rosenkränze, so viele Bruderschaften und äußeren Andachten zur allerseligsten Jungfrau? Hierin herrscht sehr viel Unwissenheit. So macht man ein Zerrbild aus unserer Religion! Man muss zu Jesus Christus seine Zuflucht nehmen, er ist unser alleiniger Mittler: Jesus Christus muss man predigen, so ist es Gottes Wille!“ Abgesehen davon, dass solche Leute oft genug auch vor Christus keine genügende Ehrfurcht zeigen, ist das, was sie sagen, nur in einem gewissen Sinne wahr. Aber wegen der Anwendung, die sie daraus ziehen, um die Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu schmälern, ist dies eine sehr gefährliche und feine Schlinge des bösen Geistes, der sich hier so recht in der Gestalt eines guten Engels zu zeigen sucht. Denn niemals wird doch Christus mehr geehrt, als wenn man seine heilige Mutter wahrhaft hochschätzt, was man ja nur tut, um Jesus Christus vollkommener zu ehren. Maria ist uns der Weg, auf dem wir zum Ziele gelangen, nach dem wir streben, nämlich zu Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit. Auch die heilige Kirche preist mit dem Heiligen Geiste zuerst die allerseligste Jungfrau, und dann Jesus Christus selig: Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui Jesus: „Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus.“ Nicht als ob die allerseligste Jungfrau mehr wäre als Jesus Christus oder ihm auch nur gleichkäme, – das wäre eine unerträgliche Häresie, – sondern weil man, um Christus vollkommener preisen zu können, zuvor Maria preisen muss. Darum wollen auch wir mit allen wahren Verehrern der allerseligsten Jungfrau gegenüber diesen falschen, skrupellosen Verehrern freudig zurufen: „Maria, Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus!“


3. Die äußerlichen Verehrer

Äußerliche Verehrer zeigen ihre ganze Andacht zur allerseligsten Jungfrau in rein äußerlichen Andachtsübungen, während ihnen der innere Geist mangelt. Sie sagen eine Menge Rosenkränze in Eile her, hören viele Messen ohne Aufmerksamkeit an, begleiten die Prozessionen ohne Andacht, lassen sich in alle möglichen Bruderschaften einschreiben, ohne ihr Leben zu bessern, ohne ihren Leidenschaften Gewalt anzutun und ohne die Tugenden der allerseligsten Jungfrau nachzuahmen. Dazu gehören auch solche, die nur das Fühlbare der Andacht lieben, ohne ihren Kern zu kosten. Wenn sie bei ihren Andachten keinen fühlbaren Trost haben, so glauben sie nichts getan zu haben, werden verwirrt, und lassen dann alles gehen, oder erfüllen ihre Pflichten nur mit gebrochenem Herzen. Solcher rein äußerer Verehrer gibt es viele. Mit Vorliebe bekritteln sie die wahren Verehrer Mariä, die mehr das Innerliche und damit das Wesentliche pflegen, ohne jedoch das Äußere gering zu schätzen, das selbstredend die wahre Andacht begleiten muss.


4. Die vermessenen Verehrer

Die vermessenen Verehrer sind Sünder, die unter dem schönen Namen von Christen und Verehrern der allerseligsten Jungfrau als Kinder der Welt den Stolz, die Habsucht, die Unkeuschheit, die Trunkenheit, den Zorn, das Fluchen, das Lügen, die Ungerechtigkeit etc. verbergen. Unter dem Vorwand, Verehrer der allerseligsten Jungfrau zu sein, schlafen sie ruhig in ihren schlechten Gewohnheiten dahin, ohne sich Gewalt anzutun und sich zu bessern. Die Vorwürfe ihres Gewissens suchen sie zu beschwichtigen durch den Wahn, Gott werde ihnen schon verzeihen und sie nicht ohne Beichte sterben lassen. Sie könnten auch nicht verdammt werden, weil sie ihren Rosenkranz beten, weil sie am Samstag fasten, weil sie der Bruderschaft des heiligen Rosenkranzes oder des Skapuliers oder einer Kongregation Mariä angehören. Wenn man ihnen sagt, ihre Andacht sei leere Täuschung des Satans und gefährliche Vermessenheit, dazu angetan, sie zu verderben, so wollen sie das keineswegs glauben. Sie antworten: Gott ist ja gütig und barmherzig; er hat uns nicht erschaffen, um uns zu verdammen; es ist ja kein Mensch ohne Sünde. Ich werde sicherlich nicht ohne Beichte sterben, ein herzliches: Peccavi, „ich habe gesündigt“ beim Tode genügt; ich bin ja auch ein Verehrer der allerseligsten Jungfrau, trage das Skapulier, bete alle Tage, ohne mich zu rühmen, sieben Vaterunser und Gegrüßet seist du Maria zu ihrer Ehre; ich bete sogar zuweilen den Rosenkranz und das Offizium der allerseligsten Jungfrau, ich faste usw. Zur Bekräftigung dieser ihrer Äußerungen und um sich noch mehr zu verblenden, führen sie Geschichten an, die sie gehört oder in Büchern gelesen haben, – ob sie nun wahr oder falsch sind, das kümmert sie nicht, – welche glauben machen, dass gewisse Personen, die ohne Beichte in der Todsünde starben, auf Grund einiger während ihres Lebens verrichtete Gebete oder Andachtsübungen zur allerseligsten Jungfrau entweder wieder vom Tode erweckt wurden, um beichten zu können, oder dass ihre Seele bis zur Ablegung der Beichte wunderbar im Leibe zurückgehalten wurde, oder dass sie durch die Barmherzigkeit der seligsten Jungfrau in ihrer Todesstunde von Gott eine vollkommene Reue und die Verzeihung ihrer Sünden erlangt haben und dadurch gerettet worden sind, – und so hoffen sie nun dasselbe auch für sich. Nichts sollte dem wahren Christen so verwerflich erscheinen, als solch eine teuflische Vermessenheit. Kann man denn in Wahrheit sagen, man liebe und verehre die allerseligste Jungfrau, wenn man ihren Sohn durch seine Sünden beschimpft, unbarmherzig geißelt, durchbohrt und kreuzigt? Wenn Maria sich durch ihre Barmherzigkeit verpflichtet hätte, diese Sorte von Leuten zu retten, so würde sie damit die Sünde freigeben und mithelfen, ihren göttlichen Sohn zu kreuzigen und zu beschimpfen; wer wagte, solches auch nur zu denken? Die Verehrung der allerseligsten Jungfrau, welche nächst der Anbetung des allerheiligsten Altarsakramentes die heiligste und gnadenreichste Andachtsübung ist, so zu missbrauchen, ist nach meiner Auffassung ein schreckliches Sakrilegium, nach der unwürdigen Kommunion wohl das größte und daher am wenigsten zu verzeihen. Ich gebe zu, um ein wahrer Verehrer der allerseligsten Jungfrau zu sein, ist es nicht unbedingt notwendig, so heilig zu sein, dass man jede Sünde meidet, obwohl das sehr zu wünschen wäre. Wenigstens muss man aber 1. den aufrichtigen Willen haben, zum mindesten jede Todsünde zu meinen, welche die Mutter ebenso beleidigt wie den Sohn; 2. muss man sich Gewalt antun, um die Sünde überhaupt zu meiden; 3. soll man sich in eine Bruderschaft Mariä aufnehmen lassen, den Rosenkranz, den Psalter oder andere Gebete verrichten, am Samstag fasten usw. Dieses alles ist zur Bekehrung eines Sünders, selbst eines verhärteten, von wunderbarem Nutzen, und wenn du, lieber Leser, ein solcher wärest, selbst wenn du mit einem Fuße schon im Abgrund ständest, so rate ich dir diese guten Werke an, aber unter der Bedingung, dass du sie einzig in der Absicht verrichtest, um von Gott durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau die Gnade der Reue, die Verzeihung der Sünden und die Kraft zu erlangen, mit den schlimmen Gewohnheiten zu brechen. Du dürftest es aber nie in der Absicht tun, um trotz der Vorwürfe des Gewissens, gegen das Beispiel Jesu Christi und seiner Heiligen, und im Widerspruch zu den Grundsätzen des hl. Evangeliums bequem im Zustand der Sünde weiter leben zu können.


5. Die unbeständigen Verehrer

Unbeständige Verehrer sind jene, welche nur hin und wieder und nach Laune die allerseligste Jungfrau verehren. Bald sind sie voll Feuer und gleich darauf wieder lau, bald zeigen sie sich bereit, alles ihr zu Ehren zu tun, und kurz darauf haben sie es schon wieder vergessen. Zuerst nehmen sie alle Andachten zur allerseligsten Jungfrau an, lassen sich in alle möglichen Bruderschaften aufnehmen, und nachher üben sie deren Regel keineswegs mit Treue. Sie wechseln wie der Mond. Darum setzt auch Maria auf sie wie auf die Mondsichel ihren Fuß, weil sie veränderlich und deshalb unwürdig sind, unter die treuen Diener dieser Jungfrau gezählt zu werden, welche beharrlich und standhaft ihre Pflichten erfüllen. Besser ist es, sich nicht mit so vielen Gebeten und Andachtsübungen zu überladen, aber das Wenige dann auch mit Liebe und Treue zu tun, ohne Rücksicht auf Welt, Satan und Fleisch.


6. Die heuchlerischen Verehrer

Eine weitere Gattung falscher Verehrer der allerseligsten Jungfrau sind die heuchlerischen Verehrer, die ihre Sünden und Laster unter dem Mantel dieser treuen Jungfrau verbergen wollen, um in den Augen der Menschen für besser zu gelten, als sie wirklich sind.


7. Die eigennützigen Verehrer
Endlich gibt es noch eigennützige Verehrer, die nur deswegen zur allerseligsten Jungfrau ihre Zuflucht nehmen, um irgend einen Prozess zu gewinnen, einem irdischen Unheil zu entrinnen, um von einer Krankheit geheilt zu werden oder in irgend einer anderen Not dieser Art sich ihre Hilfe zu sichern, sonst aber nicht an sie denken. Die einen wie die andern sind falsche Verehrer der allerseligsten Jungfrau, die weder in den Augen Gottes noch bei seiner heiligsten Mutter etwas gelten. Sehen wir uns also vor, dass wir nicht zu der Zahl der kritisierenden Verehrer gehören, die nichts glauben und alles bekritteln wollen; oder zu den skrupellosen Verehrern, die zu viel Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu haben vermeinen aus Achtung vor Jesus Christus; auch nicht zu den bloß äußerlichen Verehrern, die ihre ganze Verehrung auf rein äußere Andachtsübungen beschränken; am wenigsten zu den vermessenen Verehrern, die unter dem Vorwande ihrer vermeintlichen Andacht zur allerseligsten Jungfrau in ihren Sünden ergrauen; ferner nicht zu den unbeständigen Verehrern, die aus Leichtfertigkeit ihre Andachtsübungen ändern oder bei der geringsten Versuchung sie alsbald wieder aufgeben; nicht zu den heuchlerischen Verehrern, die sich in Bruderschaften aufnehmen lassen und das Kleid Mariä tragen, lediglich um für gut zu gelten; endlich nicht zu den eigennützigen Verehrern, die zur allerseligsten Jungfrau nur deswegen ihre Zuflucht nehmen, um von körperlichen Leiden befreit zu werden oder um zeitliche Güter zu erlangen.

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