Roemer

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DIE BRIEFE DES APOSTELS PAULUS

Der Brief des Apostels Paulus an die Römer

Die Apostel durchzogen nach dem Befehle Jesu Christi, ihres Herrn [Mt 28,19], die ganze Welt und verkündeten das Evangelium. Diese lebendige mündliche Predigt des göttlichen Wortes war es, durch welche sie die Völker zum Glauben bewegen wollten. Indes beschränkten sie sich nicht auf dieses Mittel, zum Heile der Gläubigen zu wirken. Da sie nämlich die von ihnen gegründeten Gemeinden in der Regel bald verlassen mussten, um auch in andere Gegenden die Lehre des Heils zu bringen, wollten sie durch schriftliche Belehrung ersetzen, was ihnen mündlich zu tun nicht mehr möglich war. Sie sandten Ermahnungsschreiben an die gestifteten Gemeinden oder auch an einzelne Personen derselben, um sie im Glauben zu stärken, in Versuchungen und Leiden zu trösten und vor Gefahren, besonders wenn verderbliche Irrlehren einzureißen drohten, zu warnen, damit der von ihnen ausgestreute Same der göttlichen Lehre nicht wieder erstickt würde. Manchmal schrieben sie auch an Gemeinden, die nicht durch sie, sondern durch ihre Schüler bekehrt worden waren, weil sie hoffen konnten, dass ihr Wort das höchste Ansehen und größte Gewicht bei denselben haben werde. Diese Ermahnungsschreiben nennt man die apostolischen Briefe. Alle diese Briefe sind auf besondere Veranlassungen entstanden und hatten nicht die Bestimmung, einen vollständigen Inbegriff der christlichen Lehre zu geben, sondern bezogen sich immer zunächst nur auf einzelne Lehren, welche die heiligen Apostel vorzüglich einzuschärfen für nötig hielten. Andere Lehren berührten dieselben nur im Vorbeigehen, und von vielen sprachen sie gar nicht. Die Briefe der Apostel galten als Gemeingut der einzelnen Kirchen, an welche sie gerichtet waren, und wurden sorgfältig bewahrt.
Vermutlich sandten die Apostel ihre Briefe nur in von fremder Hand gefertigten Reinschriften ab, wie es damals Sitte war. Von den Briefen des heil. Paulus steht dies fest. Die Briefe des Völkerapostels umfassen einen weit größeren Kreis von Lehrgegenständen und stellen die einzelnen Wahrheiten erschöpfender dar, als die Sendschreiben der übrigen Apostel. Der Grundgedanke derselben ist indes stets, dass alle Menschen, Juden und Heiden, gleichmäßig durch die Vaterliebe Gottes und das Bedürfnis nach Erlösung zu den Segnungen des Heiles in Christus berufen sind, und dass die Wirkung derselben die durch den Herrn geschenkte Gerechtigkeit ist. „Die Briefe des heil. Paulus“, sagt der heil. Chrysostomos, „sind gleichsam Bergwerke und Quellen, die nie versiegen, ja umso reicher fließen, je mehr man daraus schöpft. Wie viele Jahrhunderte sind schon vergangen, seitdem der heil. Paulus auf dieser Erde wandelte, wie viele Ausleger und Lehrer haben aus diesem Schatze geschöpft und dennoch seine Reichtümer nicht alle sich aneignen können! Dieser Schatz ist den Sinnen verborgen, und darum nimmt er nicht ab, ob auch viele Hände ihn fördern, sondern mehrt sich und wächst. Doch warum rede ich von denjenigen, die vor uns gewesen sind? Wie viele werden nach uns über diese Briefe reden, und nach diesen andere, und doch wird diese Quelle stets neues Wasser, dieses Bergwerk stets neues Gold geben.“
Wie viele Briefe der heil. Paulus während der zwanzig Jahre seiner apostolischen Tätigkeit geschrieben hat, steht nicht fest: sicher aber ist, dass er mehr Briefe verfasst hat, als die uns erhaltenen. So weisen [1Kor 5,9, 2Kor 10,9, Phil 3,1, Kol 4,16] auf verloren gegangene Briefe hin. Gottes Vorsehung hat es indes so geordnet, dass vierzehn auf uns kamen. Der heil. Apostel selbst hat keine Sammlung seiner Sendschreiben veranstaltet, die jetzige Anordnung derselben ist seit der Zeit des heil. Augustin üblich und hat wohl im Allgemeinen die Würde der Kirchen und die Wichtigkeit des Gegenstandes zum Maßstabe der Reihenfolge. Die Gründung der römischen Kirche schreiben alle heil. Väter den heiligen Aposteln Petrus und Paulus zu. Da nun das Christentum, lange bevor Paulus nach Rom kam, dorthin gelangt war, sind diese Zeugnisse dahin zu verstehen, dass Petrus gepflanzt, Paulus begossen, beide mit ihrem Blute den römischen Acker befruchtet haben, während Gott das Gedeihen gab. Einige Anhänger erwarb das Evangelium wohl durch bekehrte Juden, welche der ersten Predigt des heil. Petrus [Apg 2,10] beigewohnt hatten; indes die Kirche, deren Glaube damals, als Paulus an sie schrieb, bereits in der ganzen Christenheit berühmt war, konnte nur einen Apostelfürsten zum Gründer haben. Das ganze Altertum bezeugt denn auch einmütig, dass der heil. Petrus am Beginne der Herrschaft des Klaudius nach Rom kam und die römische Kirche gründete, die fortan der Mittelpunkt seiner apostolischen Tätigkeit ward. Der heil. Petrus wendete sich im allgemeinen wohl vorzugsweise an die Juden, musste aber nach der Rückkehr von dem Apostelkonzil sich an die Heiden wenden, da die Juden inzwischen im Jahre 51 aus Rom vertrieben waren. So kam es, dass von dieser Zeit an die bekehrten Heiden in der römischen Kirche die Mehrheit der Christen bildeten.
Aus welchem Grunde der heil. Paulus an die Römer schrieb, gibt er selbst an: wegen der Gnade Gottes, weil ich ein Diener Christi bin. Und: Ein Schuldner der Heiden habe ich die Pflicht, auch zu euch von dem Evangelium zu reden (Chrys.). deshalb verheißt er, selbst zu kommen. Damit also die kurze Zeit, welche er der römischen Gemeinde widmen wollte, recht reiche Frucht trage, bietet der Apostel in diesem Briefe gleichsam eine Einsicht in seine Predigt des Evangeliums. „Der Gegenstand des Briefes ist, soweit wir aus dem Texte selbst auf denselben zu schließen vermögen,“ sagt der heil. Augustin, „die Frage: Ist das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus allein für die Juden bestimmt wegen der Verdienste des Gesetzes, oder wird allen Völkern die Rechtfertigung aus dem Glauben, welche in Jesus Christus ist, ohne vorhergehende Verdienste dargeboten, so dass die Menschen glaubten, nicht weil sie gerecht waren, sondern durch den Glauben gerechtfertigt gerecht zu leben begannen? Der Apostel will nachweisen, dass die Gnade des Evangeliums unseres Herrn für alle bestimmt ist; Gnade, weil umsonst gegeben.“
Der Brief wurde von dem heil. Paulus in griechischer Sprache geschrieben, weil diese im ganzen Römerreich ziemlich allgemein, selbst von Frauen, verstanden wurde. Derselbe wurde am Ende der dritten Missionsreise des heil. Paulus verfasst, zur Zeit als der Apostel nach Jerusalem gehen wollte. [Apg 19,21] Die Abfassung des Briefes fällt hiermit gegen das Ende des Jahres 58 oder den Anfang des Jahres 59, in die Zeit des Aufenthaltes zu Korinth.
Alle Ausleger unterscheiden außer dem Eingange und dem Schlusse des Briefes zwei Teile, einen dogmatischen, welcher die Kraft der Gnade des Evangeliums zeigt (1,16 – 11,36), und einen ermahnenden Teil, der zur Vollbringung der Werke dieser Gnade aufmuntert (Thom.). Der dogmatische Teil, welchen der heil. Thomas in drei Unterabteilungen zerlegt, behandelt als Thema: Das Evangelium ist eine Gotteskraft, zum Heile für einen jeden, der glaubt, für die Juden zuerst und auch für die Heiden. [Roem 1,16] Andere Ausleger unterscheiden vier Abschnitte in dem dogmatischen Teile. Der Brief an die Römer ist unter allen Briefen des Apostels einer der inhaltreichsten, aber auch einer der schwierigsten. „Gott hat die Schwierigkeiten in diesem Briefe zugelassen,“ sagt der heil. Augustin (und ähnlich der heil. Hieronymus), „um den Stolz des menschlichen Verstandes zu demütigen, und zugleich, um uns aufzufordern, der großen Fülle des tiefer liegenden Sinnes nachzuforschen.“ Der Heilige Geist, welcher den Brief eingegeben, hat es seiner Kirche auch nicht an solchen Männern fehlen lassen, welche ihr aus dem unerschöpflichen Schatze der Weisheit desselben stets neue Reichtümer mitteilten.